Erstes Energiepolitisches Online-Frühstück

Erstes Energiepolitisches Online-Frühstück

Konzept eines Industriestrompreises im Rahmen einer wünschenswerten (EU-) Industriestrategie, die Ökologie und Ökonomie zusammenbringt

Christian Essers, Director Global Energy Procurement der Wacker Chemie AG stellt Industriepreismodell vor

Mit gut 40 Teilnehmern startete das erste Energiepolitische Online-Frühstück des Vereins EnergieDialog 2050. Thema waren die Standortverwerfungen aufgrund sehr unterschiedlicher Stromkosten in der Welt und damit die Gefahr Grundstoffindustrien in Deutschland und Europa zu verlieren. Grundstoffindustrien in Europa stehen im Wettbewerb mit vielen Wirtschaftsregionen mit industriepolitisch regulierten Energiepreisen. So liegt etwa in West-China der staatlich geförderte Industriestrompreis für energieintensive Abnehmer zwischen ca. 2,5 und 3,5 ct/kWh. Da nicht nur langfristig angelegte Innovationsverfahren sowie Investitionen in neue Anlagen die Kosten für heimische Produzenten im Vergleich mit internationalen Wettbewerbern erhöhen, sondern insbesondere der steigende Strombedarf sowie (mittelfristig) steigende Stromkosten zu weiteren Produktionskostenerhöhungen führen, stellte Christian Essers den WACKER-Vorschlag zur Einführung eines europäisch angelegten Industriestrompreises vor. Damit könne der Gesetzgeber den Carbon Leakage-Schutz auf diese strombedingten Kostensteigerungen innerhalb der EU fokussieren, so Essers. Auf einen Nenner gebracht: Ein europäisch angelegter INDUSTRIESTROMPREIS als tragende Säule einer EU-Industriestrategie und Türöffner für die Dekarbonisierung der energieintensiven Grundstoffindustrie.

Die etablierten Carbon Leakage-Schutzinstrumente wie etwa kostenlose Zuteilung im ETS, BesAR oder Strompreiskompensation reichen heute allein nicht mehr aus, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer energieintensiver Industrieunternehmen zu sichern. Notwendig ist nach Ansicht von WACKER eine Weiterentwicklung dieser Schutzinstrumente hin zu einem stabilen, europäisch angelegten Industriestrompreis. Diesen Ansatz teilen im „Raumschiff Berlin“ mittlerweile namenhafte Stakeholder wie etwa die Agora Energiewende im Booster-Papier, die WirtschaftsVereinigungMetalle mit dem Konzept eines europäischen Industriestrompreises, der Beschluss der CDU/CSU-Fraktion von Mitte Mai zum Green Deal der EU oder auch die Stiftung2Grad im Positionspapier „Ein starkes Klima-Konjunkturprogramm für die Industrie“ von Anfang Juni. Anders als bei Einführung des ETS befindet sich die energieintensive (Grundstoff-) Industrie der EU heute in einem strukturellen Systemwettbewerb vor allem mit China. Diese strukturelle Wettbewerbsverzerrung zum Vorteil Chinas lässt sich durch eine Weiterentwicklung des heutigen Carbon Leakage-Schutzes hin zu einem europäisch angelegten Industriestrompreis lösen.

Ein solcher Industriestrompreis könnte Elemente des französischen ARENH (= l’accès régulé à l’électricité nucléaire historique) -Mechanismus übernehmen. Dieser gibt „neuen“ Stromversorgern das Recht, Strom zu finanziellen Konditionen zu beziehen, die den Erzeugungskosten der historischen Kernenergie entsprechen. Der Wert liegt aktuell bei 42 Euro/MWh (https://www.cre.fr/content/download/21649/275455). Zu diesen neuen Stromversorgern mit Industriebezug gehören ArcelorMittal Energy, SCA, SNCF Energie sowie Shell Trading und Solvay Energy Services. Die jährliche Stromabrufmenge im Rahmen des ARENH-Mechanismus ist auf 100 TWh begrenzt, was etwa 25 Prozent der gesamten nuklearen Stromerzeugung entspricht. Der ARENH-Mechanismus läuft bis 2025 und ist konform mit dem EU-Beihilferecht, da es darauf abzielt, das Strommonopol von EDF aufzubrechen.

Ein an dieses Modell angelehnter Industriestrompreis sollte zum Ziel haben, ein level playing field mit den Stromkosten der internationalen Wettbewerbsregionen – insbesondere mit West-China – zu erreichen. Im verpflichtenden Gegenzug unterstützt die energieintensive Grundstoffindustrie einen ambitionierten Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. Der Vorschlag von Wacker sieht vor, dass etwa 120 TWh jährlich auf diesem Wege für die deutsche energieintensive Industrie zu einem atmenden Preis von heute maximal 40 Euro/MWh zur Verfügung gestellt werden. Atmend, weil die Referenz für effektiven Carbon Leakage-Schutz nie der absolute Strompreis, sondern immer der relative Abstand zum internationalen Wettbewerber ist. Als Index könnten etwa die international üblichen Stromerzeugungskosten mit Steinkohle oder ein internationaler Preismix der industriellen Strompreise in den relevanten Wettbewerbsregionen dienen.

Nach dem Vortrag entspann sich eine lebhafte Diskussion, zumal während der Rede schon Chat-Beiträge von Dr. Matthias Dümpelmann eingesammelt und nach Fragenkomplexen geordnet wurden. Der Abgeordnete Arno Klare unterstrich, dass dem Bundestag und der Bundesregierung sowohl das Carbon Leakage-Problem als auch die Notwendigkeit erneuerbare Energien auszubauen und eine große Wasserstoffversorgungstruktur aufzubauen sehr bewusst sei. Die Frage, ob die bisherigen Strompreiskompensationen weiterentwickelt oder ein Maximalpreis gesetzt werden soll, der mit den Billigstromländern gleichzieht, wurde offen diskutiert.

Der gesamte Vortrag steht hier zum Download bereit

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